Judith Fegerl/Christoph Weber

27. Juni 2026 - 22. Juli 2026

Künstler:innen

Artists

Eröffnung der Ausstellung am Attersee
am Samstag, dem 27. Juni um 12:30 Uhr

Die Duo-Ausstellung von Judith Fegerl und Christoph Weber bringt zwei künstlerische Positionen zusammen, die materielle Prozesse nicht nur darstellen, sondern als reale Vorgänge in ihre Arbeiten einbeziehen. Beide arbeiten mit Materialien und Infrastrukturen, die unsere Gegenwart grundlegend prägen: Energie, Elektrizität, Kalkstein, Beton, Metall, Wasser, Sonnenlicht, Verbrennung, Druck, Gewicht, Transformation. Dabei erscheinen Materialien nicht als neutrale Träger von Form, sondern als aktive Speicher von aktuellen und historischen sozial-ökologischen Beziehungen. In Fegerls Arbeiten zirkuliert Energie zwischen Elektrizität, chemischer Reaktion und solarer Umwandlung; sie wird in Oberflächen ebenso wirksam wie in technischen Anordnungen. Weber untersucht Beton und Kalkstein als Schauplätze industrieller Extraktion, geologischer Tiefenzeit und moderner Zerstörungslogik. Die Ausstellung führt diese beiden Felder nicht als Gegensatz vor, sondern als miteinander verschränkte Bedingungen der Gegenwart. Energie wird nutzbar gemacht und durch technische Systeme geleitet; Materie wird aus der Erde gelöst und durch Hitze ebenso verändert wie durch Druck oder chemische Reaktion. In beiden Fällen geht es um Transformationen, von denen moderne Lebensformen abhängen — und um die Folgen, die in diesen Transformationen ästhetisch erfahrbar und politisch lesbar werden.

Judith Fegerl untersucht seit vielen Jahren die unsichtbaren, aber konstitutiven Energieströme moderner Räume. Ihre Arbeiten machen Elektrizität, Leitung, Speicherung und Umwandlung als skulpturale Prozesse erfahrbar. Dabei interessiert sie nicht allein die Funktion technischer Systeme. Ebenso entscheidend ist, wie diese Systeme altern, wie sie verletzlich werden und wie aus ihrer Zweckbestimmung ein ästhetisches Eigenleben hervortritt. In last light versammelt Fegerl gebrauchte, aber noch funktionstüchtige Solarpaneele unterschiedlicher Generationen zu einer wandfüllenden Komposition. Die Paneele sind ihrer ursprünglichen Leistungslogik entzogen und werden als Objekte sichtbar, in denen sich technische Entwicklung und Gebrauchsgeschichte mit den Hoffnungen der Energiewende überlagern. Sie zeigen nicht nur das Versprechen einer Abkehr von fossilen Energien, sondern auch die materiellen Rückseiten sogenannter „sauberer“ Technologien: Alterung, Reparatur, Recycling, Obsoleszenz und das Fortleben technischer Artefakte jenseits ihrer Zweckbestimmung.

Auch in reservoir wird Energie nicht symbolisch behauptet, sondern als realer Prozess in Gang gesetzt. Kupfer- und Aluminiumplatten stehen in Glasbehältern mit Elektrolytlösung und folgen dem Funktionsprinzip einer Batterie. Die Installation gibt Energie nicht nur frei; sie schreibt sie in Form sichtbarer Strukturveränderungen in die Metallplatten ein. Zeit, Wasser, chemische Reaktion und Ort werden Teil der Arbeit. Indem Fegerl für die Installation lokales Wasser verwendet — aus dem Attersee und Traunsee — verbindet sich der elektrochemische Prozess mit einer geografischen und klimatischen Dimension. In n-te √ breitet sich ein expandierendes Netzwerk aus Aluminiumguss-Wurzeln über Wände, Böden, Decken, Fassaden oder Gärten aus. Die sichtbaren Wurzelstücke verweisen auf Verbindungen, die meist im Verborgenen liegen. Sie lassen Versorgung als Beziehungsform erscheinen, in der organisches Wachstum, räumliche Ausbreitung und soziale Verbundenheit ineinandergreifen.

Christoph Weber arbeitet mit Beton, Kalkstein und den Bedingungen ihrer industriellen Herstellung als Materialfeld politischer und epistemischer Untersuchung. In seinen Skulpturen werden die Eigenschaften des Materials — Gewicht, Druck, Aushärtung, Bruch, Feuchtigkeit, Brennbarkeit, Instabilität — nicht kontrolliert verborgen, sondern als formbildende Kräfte freigelegt. Viele Arbeiten entstehen im präzisen Moment zwischen flüssigem, formbarem und erhärtetem Zustand. Damit widersprechen sie der üblichen Verwendung von Beton als berechenbarem Baustoff, der Stabilität und Dauer verspricht. Sie zeigen ihn stattdessen als fragiles und historisch belastetes Material, das mit moderner Infrastruktur, Extraktion, Kolonialität, Wachstumsideologien und ökologischer Zerstörung verbunden ist.

In Burst lässt Weber einen Kalksteinbrocken aus rund drei Metern Höhe auf einen noch nicht ausgehärteten Betonguss fallen. Der Kalkstein stammt aus dem Mannersdorfer Steinbruch, wo er normalerweise weiter zerkleinert, gebrannt und zu Zement verarbeitet wird. Die Arbeit konfrontiert Beton mit seinem eigenen Rohmaterial: Die geometrische Form des industriellen Quaders kollabiert, noch bevor sie sich stabilisieren kann. In Fossil Continuum wird die scheinbare Gegenüberstellung von „natürlichem“ Stein und „künstlichem“ Beton zusätzlich destabilisiert, denn der gesprengte Stein ist bereits Teil einer industriellen Produktionskette. Burnt Future Past führt diese Transformation weiter: Kalksteinbrocken werden bei 900°C gebrannt und verlieren durch das Entweichen von CO₂ rund 40 Prozent ihres Gewichts. Zurück bleiben rissige, fragile Branntkalk-Körper, in denen eine Millionen Jahre alte organische Ablagerung als Vorwegnahme künftiger Erschöpfung erscheint.

Mit Beton (lehnend) und Beton (geworfen) setzt Weber die Befragung der Stabilitätsversprechen von Beton fort. Der Baustoff, der normalerweise Sicherheit und Dauer erzeugen soll, erscheint hier selbst als belastet, geworfen, angelehnt oder gebrochen. In Chase #10 verbindet sich diese Materialbefragung mit Verfahren des Druckens und der Einschreibung. In einen gebrauchten Schließrahmen einer Heidelberg-Druckmaschine werden Begriffe aus Achille Mbembes Brutalisme — darunter „depletion“, „fracturing“, „fissuring“ und „draining“ — mit Bleilettern in eine frische Betonfläche gehämmert, bis die Oberfläche aufbricht und die Worte nur noch fragmentarisch lesbar bleiben. Sprache erscheint hier nicht als distanzierte Beschreibung von Gewalt. Sie dringt in die Materie ein und wird dabei selbst verformt.

In der Gegenüberstellung von Fegerl und Weber entsteht ein Spannungsfeld zwischen Energie und Masse, Zirkulation und Sediment, Leitfähigkeit und Bruch, Netzwerk und Last. Fegerls Arbeiten verfolgen Ströme, Ladungen, Wurzeln und technische Kreisläufe; Webers Arbeiten zeigen Verdichtung, Verbrennung, Einsturz und geologische Extraktion. Beide Positionen machen sichtbar, dass moderne Infrastrukturen nicht abstrakt bleiben. Sie greifen in Räume ein und verändern, wie Materialien und Lebensbedingungen entstehen. Die Ausstellung fragt nach dem verborgenen Leben technischer und mineralischer Materialien — und nach den Rissen, Speichern, Restenergien und Verbindungslinien, in denen sich mögliche andere Zukünfte abzeichnen.