Nestor Kovachev

21. März 2026 - 14. April 2026

Künstler:innen

Artists

Die Ausstellung setzt sich mit einem der bedeutendsten Meisterwerke der Filmgeschichte auseinander: La Passion de Jeanne d’Arc (1928) von Carl Theodor Dreyer. Im Zentrum des Projekts stehen 189 Zeichnungen, die den Stummfilm neu interpretieren und seine Erzählstruktur sowie seine visuelle Sprache in eine eigenständige Bildfolge übertragen.

Dreyers Film ist berühmt für seine radikale Konzentration auf das menschliche Gesicht, auf Emotion und die existenzielle Dramatik der Figur Jeanne d’Arc. Die Zeichnungen greifen diese Intensität auf und folgen zugleich der Struktur des Films, während sie neue Perspektiven auf dessen Bildsprache, Komposition und Ausdruckskraft eröffnen.

Konzeptionell knüpft die Serie an die in den 1930er-Jahren entwickelte Theorie der Alternative Endings an, die neue oder imaginierte Schlussvarianten filmischer Erzählungen vorschlägt. Die Zeichnungen untersuchen das Spannungsfeld zwischen historischem Dokument, filmischer Interpretation und künstlerischer Neu-Lektüre und schaffen so einen Dialog zwischen Bewegung und Stillstand, zwischen Kino und Zeichnung. Jeanne d’Arc erscheint dabei nicht nur als ikonische Märtyrerfigur, sondern als zutiefst menschliche Gestalt, vermittelt durch Blick, Kontrast und Linie.

In den vergangenen Jahren habe ich vier umfangreiche Werkzyklen mit insgesamt über 300 Zeichnungen entwickelt, die sich mit Filmen von Pier Paolo Pasolini (Uccellacci e uccellini, 2012), Binka Zhelyazkova (The Tied Up Balloon, 2013), Sergej Eisenstein (Bronenosets Potemkin, 2014), Ahn Chul-yeong (Fisherman’s Fire, 2015) sowie zuletzt mit Dreyers La Passion de Jeanne d’Arc auseinandersetzen. Ausgehend von diesen filmischen Narrativen entstehen neue Interpretationen, in denen die ursprünglichen Enden in positive und hoffnungsvolle Auflösungen transformiert werden. Dieser Ansatz bildet eine kontinuierliche Struktur meiner künstlerischen Praxis und ermöglicht eine fortlaufende Auseinandersetzung mit der Kinematografie des 20. Jahrhunderts.

Die Filme werden zunächst in Sequenzen gegliedert, die als Grundlage für die Zeichnungsinstallation dienen. Einzelne Bilder werden in eine logische Abfolge gebracht und als Zeichnungen im Standardformat von 15 × 21 cm umgesetzt. Im Verlauf der Serie überschreiten die Kompositionen zunehmend diese Grenzen und entwickeln eine freiere visuelle Sprache. Die sorgfältige Anordnung der einzelnen Bilder ist ein wesentlicher Teil des künstlerischen Prozesses und übersetzt historisches Filmmaterial in ein räumliches und imaginatives Konzept.

Die Rekonstruktion filmischer Bedeutung in Form einer Zeichnungsinstallation ermöglicht es den Betrachter:innen, das Werk zugleich atmosphärisch und körperlich zu erleben – als immersiven Dialog zwischen Film, Bild und künstlerischer Imagination.